Die Gründung der Schule
Nach dem Zusammenbruch Deutschlands 1945 suchten alle Bürger eine neue Heimstatt, einen neuen Anfang. Alle, ob Einheimische, Vertriebene, Flüchtlinge, waren sich einig, für den Wiederaufbau des Vaterlandes zu arbeiten und die Grundlage für ein neues Staatsgebilde zu legen, die Besatzungszonen aufzuheben.
In dieser Situation fanden sich sudetendeutsche Glasveredler und Glasraffineure in Rheinbach zusammen, um mit den Lehrern der staatlichen Glasfachschulen Steinschönau und Haida, dem Stadtdirektor, Dr. Römer, der Stadt Rheinbach, den Leitern der Industrie- und Handelskammer Bonn und der Handwerkskammer Köln, über die Ansiedlung der Glasveredler in Rheinbach und der Gründung der Staatlichen Glasfachschule zu verhandeln.
Nach Gesprächen und zähen Verhandlungen mit dem Wirtschaftsministerium in Düsseldorf, sowie mit dem 1. Ministerpräsidenten des Landes NRW, Karl Arnold, wurde 1947 — also weit vor der Währungsreform — die Ansiedlung der sudetendeutschen Glasveredler verfügt, ebenso die Gründung der Staatlichen Glasfachschule Rheinbach.
Erster Schulleiter wurde Oberstudiendirektor Prof. A. Dorn, der mit den Kollegen aus Steinschönau und Haida die Vorbereitungen zur Eröffnung der Schule, die am 1. 4. 48 erfolgte, traf.
Die Stadt Rheinbach stellte das ehemalige Bürgermeisteramt, das durch Kriegseinwirkungen beschädigt war, als Schulgebäude zur Verfügung.
Das Kollegium „organisierte" Baumaterialien, Steine, Zement, Dachziegel usw., um das Gebäude so herzurichten, daß die ersten Schüler einziehen konnten. Doch auch Glas, Blei, Schleifmaschinen, Farben fehlten. Die Bezugsscheine reichten nicht aus; es wurde improvisiert und „organisiert“.
Nun galt es, die Schule als Spezialschule für Glas und Keramik bekannt zu machen. Dieses gelang dadurch, dass die Schüler eine Ausbildung erhielten, die führend in Deutschland war. Es gelang dadurch, dass in den Volksschulen des Rheinlandes die Glasveredlungsberufe bekannt wurden. Die Kollegen fuhren mit dem Rad oder wanderten zu den Schulen um, Berufsberatungen durchzuführen. Zu diesem Zeitpunkt war Berufsberatung ein Fremdwort. Durch Ausstellungen in Banken, Ministerien, Arbeitsämtern, Handwerkskammern u. a. wurde und wird die Breite der Ausbildung in den Glasberufen verdeutlicht.
Die Fachwelt wurde angesprochen, in dem die Schule sich auf den Messen in München, Hannover, Frankfurt und Düsseldorf präsentierte und präsentiert. In Fachzeitschriften wurden und werden neue Techniken vorgestellt und beschrieben.
Schon zu Anfang der 50er Jahre hatte die Schule einen weiten Ruf, die Ausbildung an der Staatlichen Glasfachschule war in der Fachwelt anerkannt.
Die überzeugende Tätigkeit der „Gründergeneration“ führte 1953 zur Gründung des Vereins der Freunde und Förderer der Staatlichen Glasfachschule e.V.
Die Mitglieder dieses Vereins sind fast ausschließlich Fachleute der Glasindustrie und des Glaserhandwerks, sowie der Keramikindustrie. Die ideelle, die fachliche und materielle Unterstützung der Schule führte so weit, daß der Verein ein Internat für die „Glasfachschüler“ betreibt. Diese Aufgabe wird an anderer Stelle noch zu würdigen sein.
Warum staatliche Schule?
In Nordrhein-Westfalen, ja in der gesamten Bundesrepublik, ist es nicht üblich, daß ein Land als Träger einer Schule auftritt. Schulträger sind für die allgemeinbildenden Schulen die Städte oder freie Träger.
Die Berufsbildenden Schulen werden getragen von den kreisfreien Städten oder den Kreisen. Einige wenige Großbetriebe sind Träger einer Berufsschule als Ersatzschule.
Es reicht in unserem Schulsystem die Argumentation nicht aus, den Beweis dadurch anzutreten, dass die Schulen im Sudetenland in staatlicher Trägerschaft lagen. Es müssen andere Gründe sein, die zu einer Landesträgerschaft führen und führten.
Glashandwerk und Glasindustrie, Keramikhandwerk und Keramikindustrie sind, gemessen an der chemischen Industrie, an der Automobilindustrie, kleine Wirtschaftszweige. Doch ohne Glas, ohne Keramik, kann die Industrie und auch der einzelne Bürger nicht leben.
Einige Beispiele sind hier genannt:
Die Fernsehröhre, das Fenster, die Glühlampe, das Trinkgefäß, das Thermometer, die Autoscheibe, das Kirchenfenster, die Vase, der Spiegel u. a. sind Gebrauchsmittel, die von jedem täglich benutzt werden.
Ebenso verhält es sich im keramischen Bereich. Von der Dachpfanne, dem Ziegel, der Fliese, dem Katalysator, dem Waschbecken, den feuerfesten Steinen bis hin zum Geschirr benötigt und benutzt der Bürger keramische Materialien. Viele Familienbetriebe, kleine Handwerksbetriebe, und die Industriebetriebe benötigen Facharbeiter und Gesellen. Die Auszubildenden der Betriebe, die über ganz Nordrhein-Westfalen verteilt sind, gehen zur theoretischen Fachbildung zur Berufsschule. In den einzelnen Schulbezirken der Berufsschulen ist die Anzahl der Lehrlinge so gering, daß für sie keine Fachklassen eingerichtet werden können.
Diese Schüler werden in Landesfachklassen zusammengefasst. Hierzu bietet sich, wegen der überregionalen Bedeutung, eine staatliche Schule an. Die Glasfachschule Rheinbach erfüllt diese Aufgabe.


